Aquitanien
BILDERREISEN, FRANKREICH, ROADTRIPS 10

In 25 Bildern durch Aquitanien – Pinienduft und Meeresrauschen.

Aquitanien, Frankreich. Pinienduft und Meeresrauschen. Vanlife und Natur. Langeweile und absolute Erholung. Knapp 2 Wochen ging es mit dem Bulli, dem Herzmensch und viel Vorfreude entlang der südfranzösischen Atlantikküste. Wir haben viel erlebt und wenig gesehen, viel geredet und wenig gemacht. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal so faul war, fast schon antriebslos. Denn normalerweise will ich immer mehr. Immer höher, immer weiter und immer schneller. Immer was machen und ja nichts verpassen. Aber dort gab es einfach nichts zu machen, zumindest so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die ersten Tage fand ich es doof. Ziemlich beschissen sogar. Aber dann, fast am Ende des Trips, habe ich es einfach nur genossen. Und es geliebt.

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AQUITANIEN, BIARRITZ.

Mein liebes Biarritz – Wie soll ich dich beschreiben, ohne verletzend zu sein? Biarritz – Du bist ganz nett. Mehr aber auch nicht.

Unser erster Stop nach der fast 18-stündigen Anreise. Wir suchen nach einem Campingplatz am Meer und erschrecken kurz über die Preise für die Nebensaison. Wir suchen also einen Campingplatz etwas weiter weg vom Meer und sind angenehm überrascht. Über die Preise und über die Lage. Wenn man ganz leise ist, kann man sogar das Meer hören. Alles ist umkompliziert und alle sind nett. Was auch wieder ziemlich überraschend ist, denn gerne hört man ja genau das Gegenteil über die Franzosen. Nach dem Einkauf frühstücken wir. Baguette, frischer Käse, Salat, Kaffee und Tee. Nach dem Frühstück machen wir nichts. Sonne, ein Mittagsschlaf und ein zeitiges Bierchen. Und nach dem Nichts-Machen gibt es Abendbrot. Nudeln, frischer Knoblauch, Käse und Öl. Noch fühle ich mich wohl und bin zufrieden mit der süßen Langeweile.

Am nächsten Tag geht es in die Stadt und ich freue mich wie ein kleines Kind. Nicht mehr sitzen, endlich Bewegung. Die Bewegung kommt in den nächsten Stunden nicht zu kurz, dafür aber die Begeisterung. Alles wirkt in dem Ort so steril und künstlich, viel zu touristisch. Wir schlendern am Plage de la Côte des Basques entlang und beobachten die Surfer. Es kribbelt am ganzen Körper und ich möchte endlich auch in die Wellen. Hätte ich da schon gewusst, was mich an einem der nächsten Tage erwartet, dann wäre aus dem Kribbeln wahrscheinlich ein eisiger Schauer geworden. Mal laufen wir am Strand entlang, mal in Strandnähe durch die Straßen. Ich hatte auf südfranzösisches Flair gehofft, schöne Architektur und kleine, schnuckelige Ecken. Aber davon habe ich hier nichts gefunden. Auch gut, ich muss sowieso noch etwas nacharbeiten, bleiben wir also am nächsten Tag am Bulli. Und that’s it. Biarritz – Es war mir eine Ehre, aber kein so rechtes Vergnügen. Adieu!

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Campingplatz: Biarritz Camping.

 

AQUITANIEN, VIEUX BOUCAU.

Weiter geht es Richtung Norden, immer an der Küste entlang. Wir fahren nicht lange, liegt doch hier ein Surferparadies am anderen. Immer mal wieder biegen wir Richtung Strand ab. Was mich so fasziniert, wobei das wahrscheinlich nicht das richtige Wort dafür ist, sind die alten Betonbunker direkt in den Dünen und an der Meereskante. Über 70 Jahre trotzen sie schon den Gewalten der Natur und man möchte sich nicht vorstellen, welche Tragödien und Grausamkeiten sich damals dort abspielten. Jetzt liegen die Bunker schief mitten am Strand, überall bröckelt der Beton und die rostige Bewehrung ragt spitz und scharfkantig heraus.

Wir finden einen Campingplatz direkt hinter den Dünen und machen uns gleich auf zum Strand. Wohin auch sonst, mehr gibt es hier schließlich nicht. Die Wellen sind riesig, kein einziger Surfer befindet sich im Wasser. Oder auch nur in der Nähe davon. Wir genießen die Sonne und den Umstand, dass man auch nach Einbruch der Dunkelheit noch barfuß draußen sitzen kann, im Schein einer kleinen Kerzen.

Für den nächsten Tag nehme ich mir definitiv eine Surfsession vor. Beim Joggen am Strand verschiebe ich es auf den Mittag, die Wellen sehen immer noch heftig aus. Am Mittag hat der eine Surfverleih in der Nähe geschlossen und der andere ist mir zu weit weg. Und außerdem sind 300€ Kaution für die ollen Softboardplanken doch viel zu viel. Aber eigentlich suche ich nur nach Ausreden, um nicht ins Meer zu gehen. Ich möchte gemütlich im Weißwasser planschen und ein paar kleine, feine Wellen surfen. Nach 1,5 Jahren Surfabstinenz scheint mir das das Vernünftigste zu sein. Und die Bedingungen lassen das im Moment einfach nicht zu.

Ich ärgere mich also über mich selber und wir schlendern gemütlich durch die menschenleeren Straßen Vieuxs. Es ist kurz vor Ende der Nebensaison, 90% der Cafés, Bars und Restaurants haben schon geschlossen. In den Supermärkten sind ganze Regalreihen leergeräumt und ich warte nur auf den Strohballen, der in Wild West Manier vor mir vorbeirollt. Langsam wird mir langweilig.

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Campingplatz: Camping Municipal Les Sablères.

 

AQUITANIEN, ST. GIRON PLAGE.

Nach 2 Nächten fahren wir weiter, wieder Richtung Norden. Und genau hier passiert es. Bei Pinienduft und Meeresrauschen. Ich fange an das Nichtstun zu genießen. Meine Füße vergrabe ich in den mit Piniennadeln übersäten Boden. Der Geruch ist unfassbar, zusammen mit dem salzigen Geschmack des Meeres und den Geräuschen der Natur. Wir stehen mit dem Bulli kurz hinter den Dünen, in nur 5 Minuten sind wir am kilometerlangen Sandstrand. Normalerweise passen auf den Campingplatz ca. 3000 Menschen, schätze ich mal. Aber jetzt, in der letzten Woche, sind hier vielleicht noch 100 und es wirkt fast wie eine Geisterstadt. Wieder fehlt nur noch der obligatorische Strohballen.

Da es hier wieder nichts zum Ausleihen gibt, kaufe ich mir kurzerhand ein gebrauchtes Surfbrett. Nichts besonderes. Jetzt zum Ende der Saison liegen die quasi fast schon auf der Straße herum. Am nächsten Tag sitze ich am Strand, ziehe mir nach einiger Zeit den Neo an und schnappe mir das Brett. Ich laufe ein Stück, suche nach der richtigen Stelle, gehe ins Wasser und … BÄHM. Ich habe die Setpause falsch eingeschätzt und ein heftiger Shorebreak holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich knalle auf den Sand, werde ordentlich durchgespült und die Finne des Boards bohrt sich in meinen Oberschenkel. Es dauert noch 2 Wellen bis ich wieder auf 2 Beinen stehe. Auf dem Weg zurück zum Campingplatz wird mir 2x Schwarz vor Augen und ich muss mich setzen. In meinem Oberschenkel ist ein kleines Loch, die Farbe drumherum wechselt großflächig in den nächsten Tagen von dunkelblau über blaugrün bis rotbraun. Eine Woche lang bin ich auf dem rechten Ohr fast taub und höre nur ein furchtbares Knirschen und Knacken. Zuhause entfernt der HNO den restlichen Sand aus meinem Trommelfell.

Und trotzdem: Ich genieße die Zeit hier in vollen Zügen. Zwangsweise zum Nichtstun verdonnert, kann ich endlich mal wieder meinen Gedanken freien Lauf lassen. Und ohne Hektik und dem Gefühl etwas zu verpassen den Moment auskosten.

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Campingplatz: Les Tourterelles.

 

AQUITANIEN, DUNE DU PYLA.

Ein hohes und sandiges Wunder der Natur mitten in der flachen und grünen Landschaft Aquitaniens. Der Roadtrip ist hier fast zu Ende, nur noch ein letztes Highlight wartet auf uns. Die Dune du Pyla ist nicht nur atemberaubend wegen der Aussicht von oben nach unten, sondern auch wegen des Aufstiegs von unten nach oben. Auf ebenem Boden läuft man auf die Düne drauf zu und es wirkt, als würde sich eine riesige Welle aus Sand vor einem auftürmen. Trotz der Hilfe einer halb versunkenen Leiter rutscht man bei jedem Schritt aufwärts wieder einen halben Schritt nach unten. Aber die Anstrengung lohnt sich und von oben genießt man einen fantastischen Blick weit über die Baumkronen der umliegenden Wälder. Der Roadtrip endet hier mit einem lauen Spätsommergewitter. Und in meiner Erinnerung bleibt vor allem der Geruch von Regen auf dem warmen und staubigen Asphalt.

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Campingplatz: Camping La Forêt.

 

DER SONG DER REISE. UND DIESER EINE MOMENT.

„I want something good to die for. To make it beautiful to life.“ – Queens of the Stone Age

Ich war am Anfang des Trips ziemlich enttäuscht. Über die wenig spektakuläre Landschaft und die große Langeweile. Was aber nicht an Aquitanien lag, sondern eher daran, dass ich zuvor einige Wochen mit dem Bulli im Norden Norwegens unterwegs war. Mit spektakulären Felsformationen und immer neuen Highlights hinter jeder Kurve. Aber dann, nach rund einer Woche an den Stränden Südfrankreichs, war da dieser eine Moment. Der Moment an dem mir wieder klargeworden ist, dass das genau die Art zu Reisen ist, die ich über alles liebe. Und das ich verdammt nochmal genau das jetzt genießen sollte. Draußen in der Natur braucht man keinen Wecker. Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln in den Augen und mit offenen Türen, eingemummelt unter kuscheligen Decken, hört man noch eine Weile den Geräuschen der Natur zu. Danach gibt es Kaffee und Tee vom Campingkocher, der nirgendwo besser schmeckt als genau hier. Beim Frühstück unter freiem Himmel schmiedet man Pläne für den Tag. Fahren oder bleiben? Man hat die Wahl und die Freiheit ist schier grenzenlos. Der Abend endet mit einem Sonnenuntergang, einem Bierchen und langen Gesprächen bei Kerzenschein unter meterhohen Pinienbäumen. Gibt es etwas schöneres? Ich kann es mir nicht vorstellen. Roadtrips und Vanlife sind mein Leben und meine Liebe.

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Weitere Artikel für das perfekte Campingfeeling in Aquitanien:

• Deva erzählt auf meerdavon vom Surfen in Frankreich und einer Welle für jeden.

• Jennifer von Snippets of a Traveller gibt Tipps zu Spots und Campingplätzen.

• Anna nimmt uns auf Reiselustig mit zu einem Roadtrip entlang der Küste.

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10 Comments

  • Christina says: 12. Oktober 2016 at 07:38

    Oh wie schön, wäre jetzt auch total gerne dort am Meer :-)
    Liebe Grüße
    Christina

    Reply
    • Elisa | take an adVANture says: 12. Oktober 2016 at 16:30

      Danke Christina. Das wäre ich jetzt auch wieder gerne. :)

      Reply
  • Patascha says: 12. Oktober 2016 at 14:15

    Hey,

    Schöner Artikel, gefällt uns sehr gut :)
    Ja, manchmal ist nicht alles so, wie man es sich vorstellt. Wir haben uns zum Motto gemacht, dann das Beste daraus zu machen und trotzdem den Moment zu geniessen.
    Auf der Dune du Pyla waren wir noch vor kurzem. Diese hat uns sehr gut gefallen und wir hatten einen Riesenspass…wie die Kinder im Sandkasten…nur in Gross.

    LG aus der Haute Provence,
    Tascha & Patrick aka Patascha

    Reply
    • Elisa | take an adVANture says: 12. Oktober 2016 at 16:33

      Danke euch beiden!!! :)
      Das musste ich mir auch erst mal wieder klarmachen. Einfach nur den Moment genießen. Und auf der Düne hatten wir auch jede Menge Spaß. Dort fühlt man sich definitiv an die Kindheit zurückerinnert.
      Ich hatte schon gehofft, das wir uns dort begegnen. Wir waren ja so ziemlich zur selben Zeit in der Gegend unterwegs.

      Liebe Grüße an euch!

      Reply
  • Mandy says: 12. Oktober 2016 at 15:23

    Hach. Wunderschön geschrieben! Ich kann deine widersprüchlichen Gefühle total nachvollziehen, vor allem, wenn du vorher so lang in Norwegen unterwegs warst und die Landschaft dich so geflasht hat. Umso schöner aber, dass dir der Trip nach Frankreich schlussendlich doch gefallen hat und du ihn genießen konntest. :)

    Liebste Grüße
    Mandy

    Reply
    • Elisa | take an adVANture says: 12. Oktober 2016 at 16:35

      Mandy, danke dir für deine lieben Worte! :D
      Es waren einfach 2 unterschiedliche Reisen, mit unterschiedlichem Charakter. Vergleichen sollte man da eigentlich eh nicht. Zum Glück bin ich dann am Ende ja doch noch auf den richtigen Trichter gekommen.

      Ganz lieben Gruß

      Reply
  • Eva says: 12. Oktober 2016 at 16:46

    unglaublich dieser Unterschied. Wir waren sind vor 2 Jahren mit dem WoMO im Juli von La Rochelle bis an die spnaische Grenze und es war so brechend voll – vor allem in Biarritz – und teuer aber trotzdem haben wir schöne Plätzchen und günstige Stellplätze entdeckt. Die Welle war mir allerdings überall zu kraß. Übrigens ist das Becken von Arcanchor noch ganz schön …. aber du hast recht, alles nicht vergleichbar mit Norwegen ;-)

    Reply
    • Elisa | take an adVANture says: 12. Oktober 2016 at 17:03

      Ich kann mir gut vorstellen, dass es im Sommer brechend voll ist. Jetzt war wirklich nichts mehr los. Im Winter muss dort absolute tote Hose sein. In Biarritz waren die Wellen klein und sanft, aber weiter oben waren es ziemliche Brecher.
      Danke dir für den Tipp! Ist für den nächsten Trip gespeichert. :D

      Lieben Gruß

      Reply
  • Jenny says: 12. Oktober 2016 at 18:52

    Wow! Dein letzter Absatz bringt es auf den Punkt. Chapeau!

    LG
    Jenny

    Reply
    • Elisa | take an adVANture says: 13. Oktober 2016 at 13:01

      Danke schön, Jenny!!!! :)

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